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Quicquam permirus est...

Nordrhein-Westfalen ist genauso groß wie Schleswig-Holstein- zumindest in Sachen Ausbildung technischer Lehrkräfte. Innerhalb NRWs wurden im letzten Jahr sogar mehr gymnasiale Lateinlehrer als Lehrkräfte für die berufliche Fachrichtung Maschinentechnik eingestellt. Ein Blick über den Tellerrand unseres Bundeslands kann hier sehr erhellend sein..

Dass hierzulande an Ingenieuren ein großer Mangel besteht, hat sich dank starker Bemühungen des VDI und anderen Verbänden mittlerweile herumgesprochen. Fast genauso dramatisch sieht es allerdings auch auf der Seite der Umsetzung der Ideen von Ingenieuren in den Betrieben aus: Gut ausgebildete Facharbeiter sind hierzulande ebenso zunehmend Mangelware, gerade in den exportstarken Branchen Elektro-, Metall- und Informationstechnik. Metalltechnische Facharbeiter wie der Industriemechanikter, Fachrichtung Produktionstechnik sind in der heutigen Arbeitswelt zu kleinen Produktionsmanagern mit teils sehr hoher Verantwortung aufgestiegen und gehören in Puncto Verdienst zu den Spitzenreitern der Ausbildungsberufe. Wo Fachkräfte der Metall- und Elektroindustrie Hand anlegen, findet offensichtlich direkte Wertschöpfung für die Betriebe statt, die letztlich dem Wohlstand aller zu Gute kommt. Im Jahre 2011 produzierte die heimische Metall- und Elektroindustrie allein für den Exportmarkt Güter im Wert von 634 Milliarden Euro- zum Vergleich: Das Bruttoinlandsprodukt Deutschlands lag 2010 bei 2.498 Mrd. Euro.

Verzahnung der technischen Lehrämter

Verzahnung von Technikunterricht der Sekundarstufe 1 und Sekundarstufe 2 (Berufsausbildung)

Trotz dieser offensichtlich auch gesellschaftlich gesehen wichtigen Funktion des Zusammenspiels von Ingenieuren und Facharbeitern in der Industrie tritt die Ausbildung von Lehrkräften insbesondere in unserem Bundesland nicht nur auf der Stelle, sie wird sogar sukzessive zurückgefahren. So befindet sich der Lehrstuhl für Technikdidaktik der Uni Münster in Schließung, auch die Ausbildung von technischen Lehrkräften für Berufskollegs an der Uni Duisburg-Essen wurde im Jahr 2011 eingestellt. Verschafft man sich einen Überblick über die personelle Ausstattung für den Bereich "Techniklehrerausbildung" in Nordrhein-Westfalen, so zeigt sich erschreckendes: Insgesamt sind (Uni Münster ausgeklammert) in unserem Bundesland etwa 7 Professoren und 16 wissenschaftliche Mitarbeiter direkt mit der Ausbildung von Techniklehrerinnen und -Lehrern betraut, davon widmen etwa 4 Professoren ihre Lehre der Ausbildung von BK-Lehrkräften für gewerblich-technische Fachrichtungen. Blickt man zum Beispiel nach Schleswig-Holstein, welches wohlgemerkt 1/3 der Einwohner Nordrhein-Westfalens hat, sind die Zahlen in etwa gleich: An der Uni Flensburg lehren im Bereich gewerblich-technischer Fachrichtungen 6 Professoren und 10 wissenschaftliche Mitarbeiter. Ähnlich sieht es in Bremen (6 Professoren, etwa 30 wissenschaftliche Mitarbeiter), Dresden (4 Professoren, 15 WiMa in technischen Fachrichtungen, Bündelung der beruflichen Fachrichtungen), Magdeburg (2 Professoren, 9 WiMa in technischen Fachrichtungen, Bündelung der beruflichen Fachrichtungen) oder Stuttgart (2 Professoren, 20 WiMa) aus- andere Bundesländer können hier also gute Vorbilder sein.

Ein Blick zurück nach Nordrhein-Westfalen zeigt am Beispiel Dortmund, dass hier vergleichsweise wahre Herkulesaufgaben zu bewältigen sind: Am Dortmunder Lehrstuhl betreut ein Professor mit vier wissenschaftlichen MitarbeiterInnen drei berufliche Fachrichtungen und zwei technische Studiengänge für allgemeinbildende Schulen- der Vergleich mit anderen Bundesländern  zeigt die Herausforderung, der sich die Beteiligten hier täglich stellen.

Ist es aufgrund dieses "bestens" ausgestatteten universitären Apparats hierzulande noch verwunderlich, dass sich im letzten Jahr laut der VLBS-Zeitschrift "der berufliche Bildungsweg" ganze 11 Lehrer für den Vorbereitungsdienst im Fach Maschinentechnik beworben haben? Wohl kaum. Zum Vergleich: Im gleichen Zeitraum wurden an Gymnasien 20 Lateinlehrer eingestellt.

Können Ingenieure als Seiteneinsteiger das Problem lösen? Ebenfalls schwierig, denn selbst wenn es in Anbetracht des Ingenieurmangels nennenswert Ingenieure für das Lehramt auf dem Arbeitsmarkt gäbe, so bliebe das Problem der technischen Sozialisation in der Sekundarstufe 1 (vergleiche Grafik): Ohne Technikunterricht ziehen Schüler keine technische Berufsausbildung in Betracht. Auch Förderschüler/ -innen trauen sich eine technische Ausbildung meist nicht zu, wenn sie keinen Technikunterricht erhalten haben. Als Konsequenz steigt für die letztere Gruppe das Risiko einer prekären Erwerbstätigkeit, wohingegen sich Schülerinnen und Schüler der Sekundarstufe 1 wegen ausfallenden Technikunterrichts in der Regel für kaufmännische oder soziale Berufe entscheiden. Guter Technikunterricht in der Förderschule zahlt sich also aus, wenn zumindest einige Schüler sich darauf hin eine Ausbildung zutrauen- in technischer Bildung liegt die vielzitierte "Reißleine nach unten"!

Technik ist in der westlichen Welt zu einer Lebensader geworden- der moderne Mensch ist offensichtlich in höchstem Maße abhängig von der Technik. Für Volkswirtschaften hat eine nachhaltig ausgerichtete Technik eine gewinnbringende und wohlstandssichernde Perspektve. Können wir es uns da leisten, auf technische Lehrkräfte zu verzichten? Schleswig-Holstein hat diese Frage offensichtlich schon vor langer Zeit mit einem klaren "Nein" beantwortet- eine vorbildliche Antwort.